| Die VITUSmacher Produktionsnotizen Rolf Lyssy |
ANMERKUNGEN DES REGISSEURS
Eine langjährige Freundschaft verbindet mich mit Fredi Murer. Sie begann anfangs der sechziger Jahre, als der neue Schweizerfilm - lanciert durch die welschen Kollegen der «Groupe des Cinque» - auch in der deutschen Schweiz für einen Umbruch sorgte und mit unverwechselbaren Autorenfilmen eine neue Ära des Schweizer Spiel- und Dokumentarfilms einleitete. Schon mit einem seiner ersten Filme, «Pazifik oder die Unzufriedenen» bewies Fredi, dass er ein begnadeter Geschichtenerzähler war, der sich nicht nur mit Kurzfilmen zufrieden geben wollte. Sein epischer Drang war unverkennbar, ebenso seine manchmal auch überbordende Fantasie. Er gehörte von Beginn weg zum Kreis der ernstzunehmenden Filmemacher in der deutschen Schweiz. Bis heute ist Fredi sich selber treu geblieben. Die Filme - darunter im speziellen, «Wir Bergler in den Bergen.....», «Grauzone» und der Kinoerfolgsfilm «Höhenfeuer» aus dem Jahr 1985 - sind unverrückbare Zeugnisse von einem Autor, der das Realisieren von Filmen, sei’s fürs Kino oder Fernsehen, immer auch als eine untrennbare Einheit von Schreiben und Regie führen verstand. In diesem Sinne fühle ich mich meinerseits als Filmemacher bis heute sehr verwandt mit Fredi. Wenn ich auch einen andern Weg ging, mich mehrheitlich dem Genre der Komödie zuwandte, gab es zwischen uns keine divergierenden Unterschiede im Zusammenhang mit Fragen und Problemen von Form und Inhalt in der Filmkunst. Bis heute führen Fredi und ich einen regelmässigen Gedankenaustausch, was unsere Arbeit, aber auch unseren persönlichen Standort in der helvetischen Filmlandschaft betrifft. Ich habe Fredi seit bald vierzig Jahren auf seinem Weg zur Realisierung seiner Filmprojekte freundschaftlich begleitet, bin ihm, wenn nötig, mit Rat und Tat zur Seite gestanden, habe mitgefiebert, mitgelitten, wenn Arbeitsprobleme und Konflikte seine Stimmung verdüsterten, mich mitgefreut, wenn er wohlverdienten Erfolg einheimsen konnte. Die freundschaftliche Beziehung zwischen Fredi und mir, die jahrzehntelang gemeinsam erlebten Erfahrungen, waren mit ein Grund - und auch ein wichtiges Motiv - sein Kinofilmprojekt «Vitus» filmisch zu begleiten und gleichzeitig das Lebenswerk meines alten Freundes zu würdigen. Ich habe ihm im Sommer 2004 vorgeschlagen, die Vorbereitungen und Dreharbeiten mit Kamera und Mikrofon aufzuzeichnen, also ein ausgeweitetes «Making of....» zu realisieren. Fredi hat freudig eingewilligt und auch die verantwortlichen Produzenten von Hugofilm, Christian Davi, Christof Neracher und Thomas Thümena, waren von der Idee überzeugt. Wie bei jedem Film stellte sich im Bezug auf die Realisierung, die Frage des Stils. Um die Dreharbeiten nicht zu behindern, habe ich grösstenteils als «Einmannbetrieb» gearbeitet und war nicht nur von Zeit zu Zeit, sondern während fast der gesamten Dauer des Drehs als Mitglied der Equipe, sozusagen als «embedded journalist» anwesend. Ich wollte dem Publikum - unabhängig davon, ob es den Film «Vitus» gesehen hat oder nicht - einen umfassenden Einblick in das Entstehen eines Kinospielfilms in unserem Land geben. Es ging mir darum, die verschiedenen Facetten eines komplexen Arbeitsprozesses und die damit verbundenen Probleme, Fragen, Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen der Beteiligten auf verständliche, unvoreingenomme, durchaus auch kritische, sicher aber unterhaltende Art und Weise näher zu bringen. Die damals heftige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit - und besonders in den politischen Gremien - im Zusammenhang mit der Hirschhorn-Ausstellung im Centre Culturel Suisse in Paris über die Definition von Kultur, Kunst und Künstler im weitesten Sinn und die damit verbundene Frage: «Was darf Kunst?» zeigte einmal mehr auf, dass die Forderung nach der Unabhängigkeit kulturellen Schaffens immer wieder neu gestellt - und von den Künstlern und den anverwandten Kreisen durchgesetzt werden muss. In diesem Sinn kann ein Film, wie «Die Vitusmacher», der in seiner inhaltlichen Struktur nicht nur unterhalten, sondern auch aufklären und informieren will, einiges dazu beitragen, dass in den Köpfen der Menschen, die sich mit den sehr komplexen und manchmal durchaus widersprüchlichen Formen und Inhalten von Kultur auseinandersetzen, in welcher gesellschaftlicher Position sie auch sind, mehr Bewusstsein, Klarheit und Verständnis für das kulturelle Schaffen - und damit auch für den Film - entsteht. Rolf Lyssy, Dezember 2005
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